Proaktiv in die Insolvenz: Wer früh handelt, hat mehr Spielraum
Zu langes Abwarten kann in der Krise wertvolle Handlungsoptionen kosten. Der in Schieflage geratene Sondermaschinenbau Engelsdorf (SME) hatte das erkannt und die eigene Insolvenz frühzeitig vorbereitet. Die Beteiligten des Sanierungsteams, Insolvenzverwalterin Jacqueline Jakubik, Verfahrensbevollmächtigter Stefan Wackwitz und M&A-Experte Simon Leopold berichten, warum das genau der richtige Weg war.
Eine Insolvenz muss nicht zwangsläufig das Ende eines Unternehmens bedeuten. Im Gegenteil: Unter den richtigen Voraussetzungen kann sie einen rechtlich geschützten Rahmen schaffen, um:
- Strukturen neu zu ordnen,
- Verbindlichkeiten zu restrukturieren,
- Verträge anzupassen,
- Kosten zu optimieren,
- Investorenlösungen umzusetzen und
- Unternehmen wieder wettbewerbsfähig aufzustellen.
„Das moderne Insolvenzrecht bietet zahlreiche Möglichkeiten zur Restrukturierung und Neuausrichtung eines Unternehmens. Wer frühzeitig prüft, ob ein Insolvenzverfahren notwendig werden könnte, gewinnt zusätzliche Handlungsoptionen“, so Rechtsanwältin Jacqueline Jakubik.
Genau das hat die Sondermaschinenbau Engelsdorf GmbH getan.
Wie der mittelständische Sondermaschinenbauer in die Krise geriet
Das Leipziger Familienunternehmen hat Wurzeln, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Damals war der Betrieb noch als Bohrmaschinenfabrik tätig. Heute liegt der Schwerpunk auf:
- Der Entwicklung, Konstruktion und Realisierung kundenspezifischer Sondermaschinen und Baugruppen
- Projektbezogenen automatisierten Anlagenlösungen, darunter Förder- und Materialflusssysteme, palettier- und robotergestützte Automatisierungslösungen sowie Montage- und Handling-Anlagen
Die Kunden des Unternehmens kommen vor allem aus produzierenden Gewerbebereichen, insbesondere aus der Automobil- und Zulieferindustrie sowie der Baustoff- und Prozessindustrie.
Lange Zeit lief das Geschäft stabil. In den vergangenen Jahren kamen jedoch mehrere Belastungsfaktoren zusammen: „Steigende Kosten, wirtschaftliche Unsicherheiten, eine insgesamt angespannte Auftragslage und eine deutliche Investitionszurückhaltung auf Kundenseite setzten den Sondermaschinenbauer zunehmend unter Druck“, berichtet M&A-Experte Simon Leopold. Besonders schwer wog die Entwicklung in der Automobilindustrie. Zahlreiche Aufträge aus diesem Bereich verlagerten sich nach China. Zusätzlich fielen zwei Großaufträge weg. In der Summe reichten neue Projekte und Auftragseingänge nicht mehr aus, um die bestehenden Kosten dauerhaft zu tragen.
Insolvenzantragstellung gut vorbereitet
Das Unternehmen hat die drohende Krise nicht verdrängt. „Die Geschäftsleitung hatte sich schon frühzeitig an uns gewandt, als sie nämlich befürchtete, dass die Investitionszurückhaltung der Kunden zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten führen könnte. Als es dann tatsächlich so kam, waren wir vorbereitet und konnten Anfang 2026 umgehend einen Antrag stellen“, so Rechtsanwalt Stefan Wackwitz.
Wenn absehbar ist, dass eine Insolvenz unumgänglich wird, sollte der Insolvenzantrag frühzeitig vorbereitet werden. Das ist nicht nur aus Sanierungssicht entscheidend:
- Eine unterlassene, verspätete oder unrichtige Antragstellung kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe geahndet werden.
- Zahlungen, die nach Eintritt der Insolvenzreife geleistet wurden, können unter Umständen von der Geschäftsführung persönlich zurückgefordert werden – wenn sich herausstellt, dass sie nicht rechtmäßig waren.
- Wenn bei der Finanzverwaltung und den Sozialkassen vor Antragstellung Forderungen aufgelaufen sind, haben diese gegebenenfalls auch Ansprüche.
Der frühe Vogel … hat mehr Chancen
Je früher ein Verfahren vorbereitet wird, desto besser. So eröffnen sich Sanierungsinstrumente und Spielräume, die bei einer fortgeschritteneren Krise oft nicht mehr oder nur eingeschränkt verfügbar sind.
Bei SME stand von Anfang an der Sanierungsgedanke und die Suche nach einem Investor im Vordergrund. Durch das proaktive Handeln der Geschäftsleitung:
- Konnte der Geschäftsbetrieb mithilfe des Insolvenzgeldes stabilisiert und nahtlos fortgeführt werden
- War eine transparente Bestandsaufnahme möglich: Die wirtschaftliche und die Auftragslage sowie die Liquidität konnten strukturiert analysiert werden.
- War die konstruktive Zusammenarbeit aller Beteiligten leichter
Diese Vorbereitung war eine wesentliche Grundlage für den Investorenprozess. „Das Unternehmen brachte mit seiner langen Marktpräsenz, der gewachsenen technischen Kompetenz und dem klaren Fokus auf kundenspezifische Automatisierungslösungen eine gute Ausgangsbasis mit, um für strategische Investoren attraktiv zu sein. Das frühzeitige Handeln gestaltete die Investorensuche einfacher und aussichtsreicher“, ordnet Leopold ein.
Einen Insolvenzantrag vorbereiten
Ein Insolvenzantrag sollte gerade bei einem laufenden Geschäftsbetrieb wie bei SME sorgfältig vorbereitet werden. Eingebunden sind dabei in der Regel Geschäftsleitung, Buchhaltung, Steuerbüro und insolvenzrechtliche Berater. Gemeinsam werden alle notwendigen Unterlagen zusammengetragen, geprüft und für das Gericht aufbereitet.
Dazu gehören unter anderem:
- Bei allen Verfahren: Angaben zu Insolvenzgrund, Bilanzsumme, Umsatzerlösen, Anzahl der Arbeitnehmer, Gläubigern, geplantem Verfahrensverlauf
- Bei Eigenverwaltungsverfahren zusätzlich: Finanzplan, Sanierungskonzept und Darstellung der erwarteten Kosten
- Bei Schutzschirmverfahren ergänzend: Bescheinigung darüber, dass (noch) keine Zahlungsunfähigkeit vorliegt und die Sanierung nicht offensichtlich aussichtslos ist
„Wichtig ist eine vollständige und strukturierte Antragstellung. Fehlen Angaben oder Unterlagen, setzen Gerichte häufig Fristen zur Nachreichung. Dadurch kann in einer ohnehin angespannten Situation wertvolle Zeit verloren gehen. Es ist daher sinnvoll, schnellstmöglich spezialisierte Beratung einzubinden“, rät Wackwitz.
SME: Fortführungslösung nach wenigen Monaten
Durch die frühzeitige Vorbereitung, die Stabilisierung des Geschäftsbetriebs und den strukturierten Investorenprozess konnte der Sondermaschinenbauer sein Ziel erreichen: „Zum 1. Juni 2026 gelang die Veräußerung des Geschäftsbetriebs an einen Übernehmer. Das Unternehmen konnte erhalten bleiben, 37 Arbeitsplätze wurden gesichert. Ein tolles Ergebnis“, betont Jakubik.



